Umgang mit den Herausforderungen des Arbeitswandels

Teil 1: Verstehen, was uns herausfordert

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„Heute hat der Chef uns gesagt, dass mal wieder umstrukturiert wird. Ich versteh‘ ja, dass man mit der Zeit gehen muss, aber das hört irgendwie nie auf. Und ich hab das Gefühl, ich kann mich wandeln, wie ich will, ich komm ja eh nicht hinterher.“  Dieser Kommentar, aufgeschnappt in einem Pendlerzug, beschreibt ganz gut die Einstellung, die nicht selten mit der modernen Arbeitswelt verbunden wird: Grundsätzliche Offenheit, aber gepaart mit Unsicherheit – und dem Gefühl, nicht ganz hinterherzukommen.

Der Wandel ist zum Dauerzustand geworden – und damit zum Unternehmensalltag. Alles wird digitaler, flexibler, mobiler und schneller. Unter Schlagworten, wie „New Work“, „digitale Transformation“ oder „Arbeit 4.0“ wird versucht, der neuen Arbeitswelt einen Namen zu geben.

Wie gehen die Menschen mit dem steten Wandel um? Laut einer Studie der Techniker Krankenkasse aus dem Jahr 2016 sind fast 60% der Erwachsenen in Deutschland der Meinung, ihr Leben sei in den letzten drei Jahren stressiger geworden. Mit 46% steht die Arbeit bei den Befragten als Stressfaktor auf Platz eins. Aber – und das ist die positive Nachricht – 70% sagen, dass sie grundsätzlich gerne arbeiten.

Was ist es also, was uns Menschen stresst, obwohl wir doch eigentlich gerne arbeiten?

„Der Wandel ist zum Dauerzustand geworden.
Viele Menschen fühlen sich dadurch gestresst. Aber was genau sind
die Gründe dafür?“

Interessant wird es, wenn man mehr in die Tiefe geht. Wenn man hinterfragt, was genau es ist, was die Menschen stresst. Grundsätzlich sind wir Menschen unglaublich anpassungsfähige Wesen. Viele Menschen sind viel flexibler, als sie denken – wenn sie die Vorteile dafür sehen. Und laut Hartmut Rosa, einem renommierten Zeitforscher, fangen genau da die heutigen Herausforderungen an.

Er ist davon überzeugt, dass ein kultureller Perspektivwechsel stattgefunden hat und die Menschen ihre Einstellung grundsätzlich verändert haben. Die hoffnungsvolle Sicht, durch Fortschritt werde die Welt nicht nur anders, sondern besser, hat sich gewandelt: Immer mehr Menschen hätten das Gefühl, Wachstum und Beschleunigung dienten nicht der Verbesserung der Welt – sondern der Vermeidung der Krise, so Rosa. Er nennt es „Slipping-Slope-Syndrom“ – ein Gefühl, auf rutschenden Abhängen zu stehen. Der innere Antrieb für viele Menschen heute ist also weniger der Glaube an eine bessere Zukunft, sondern vielmehr Angst vor einem Abstieg. Der – häufig notwendige – Wandel wird zunehmend als Bedrohung des Status Quo gesehen. Woher kommt das?

Jochen Mai spricht davon, dass es vor allem Unvorhergesehenes ist, was uns Sorgen macht – selbst, wenn es noch gar nicht eingetreten ist. Es ist schwierig, „weil wir uns dabei ohnmächtig fühlen, wenn wir glauben, das wahre Ausmaß nicht einschätzen zu können und mit zu vielen Variablen kalkulieren müssen“, so Mai. Alte Strukturen und Sicherheiten gelten nicht mehr – und das stört das menschliche Bedürfnis, eine Situation kontrollieren zu können.

Der Soziologie Armin Nassehi beschreibt es so: „Das Institutionsgefüge, an das wir uns gewöhnt haben, ist unter Druck geraten. Es gab gut organisierte Kämpfe zwischen Kapital und Arbeit, mit starken Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden, es gab Normallebensverläufe, die gewissermaßen ein kalkulierbares Leben möglich gemacht haben (…) Lauter wunderbare Dinge, die Komplexität reduziert haben. (…) Aber jetzt beginnt die Illusion zu kippen.“

„Auslöser für das latente Stressgefühl sind auch tieferliegende Ängste: Angst vor einem Abstieg
anstatt einer besseren Zukunft, Angst vor Kontrollverlust
und zunehmender Komplexität.“

Hartmut Rosa sieht noch eine weitere Entwicklung, die seiner Meinung nach zu dem latenten Stressgefühl beiträgt: Eine Veränderung des menschlichen Miteinanders. „Die Bereitschaft, sich auf andere einzulassen, hat zwischen 1979 und 2009 um 40 Prozent abgenommen,“ beschreibt er. Je gestresster man ist, desto weniger empathisch kann man sein. Man interagiert eher mechanisch, man „funktioniert“. So werde es aber immer schwerer, „Resonanzerfahrungen“ zu machen, die essenziell für ein erfülltes Leben seien, so Rosa. Menschen wollen „gesehen“ werden, in tiefere Beziehungen treten, etwas zurückbekommen. Aber der Aufbau persönlicher Beziehungen ist zeitintensiv – und verlangt Aufmerksamkeit. Und genau um das – um unsere Zeit und Aufmerksamkeit – erhöht sich die Konkurrenz ständig.

„Ein weiterer wichtiger Punkt ist mangelnde Resonanzerfahrung im menschlichen
Miteinander. Doch der Aufbau persönlicher Beziehungen braucht Zeit und unsere
Aufmerksamkeit – um beides wird heute mehr denn je konkurriert.“

Was die Menschen also verunsichert, sind Dinge, die sich nicht einfach mit einer Gehaltserhöhung oder dem Kauf eines teamfördernden Kickertischs lösen lassen. Es geht darum, den Menschen in den Fokus zu rücken, ihm wieder das Gefühl zu geben, dass er und seine Bedürfnisse gesehen werden. Es geht darum, Hoffnung zu schenken, offen über schwelende Ängste zu reden, Stabilität zu bieten, wo es geht und ein wertschätzenden, anerkennenden Umgang miteinander zu fördern. Denn wir Menschen wollen arbeiten. Und wir sind flexibler als wir denken – wenn wir den Sinn dahinter verstehen!

„Um dem latenten Stressgefühl zu begegnen, muss der Fokus wieder mehr auf den
Mensch und seine Bedürfnisse gelegt werden. Wir Menschen wollen arbeiten und sind
flexibler als wir denken – wenn wir den Sinn dahinter verstehen.“

Wie aber lässt sich das umsetzen? Wo kann man anfangen?

Der erste wichtige Schritt ist, innezuhalten, zu reflektieren und zu verstehen. Der zweite Schritt ist, sich Strategien für den eigenen Handlungsrahmen zu überlegen. Das wollen wir in unserem nächsten Beitrag tun.

Autor:
Sonja Baldus, Stage Academy

Schlagworte:

Arbeit, Wandel, New Work, Arbeit 4.0, Transformation, Stress, Angst, Komplexität, Kontrollverlust, Statusverlust, Instabilität, Resonanz, Beziehungen, Zeit, Aufmerksamkeit, Herausforderung